Yashica Auto Focus Motor – Herberts Beste!
Es gibt Kameras, die wurden gebaut, um Geschichte zu schreiben. Und dann gibt es Kameras, die wurden gebaut, damit Onkel Herbert auf der Familienfeier nicht versehentlich die Belichtungszeit verstellt.
Spätsommer 1981 – Verkaufsoffener Sonntag in Castrop-Rauxel. Das Hertie-Kaufhaus an der Ecke zur Münsterstraße, so versprach es die Tageszeitung vom Donnerstag, präsentiert am verkaufsoffenen Sonntag in seiner Fotofachabteilung eine „neue“ Kompaktkamera aus Fernost. Die Yashica Auto Focus Motor. Als Moderator war der Präsident des Fotoclubs Essen e. V. angekündigt, der weit über den Pott hinaus bekannt war.
Grund genug für Herbert, seine Inge zu Hause zu lassen, damit er seinen Sonntag ganz nach seinem Geschmack verbringen konnte. Herbert selbst bezeichnete sein Fotokönnen am Stammtisch gerne als „offensiv“, um bei seinen Mitstreitern stets auf Augenhöhe bleiben zu können. „Der Avantgardist des Unperfekten“ – so lautete seine Vorstellung „in der offenen Runde“ , als er vor fünf Monaten dem Fotoclub „Wir interpretieren Realität e.V.“ beitrat. Eine klug gewählte Wortwahl, denn Herbert wusste nur zu gut, dass er mehr mit dem Herzen als mit der Technik fotografierte.
Angekommen im Hertie, hörte er über die Lautsprecher und das Mikrofon des Moderators, dass die Präsentation wohl bereits begonnen hatte. Auch das Publikum war schon in Stimmung. Schnell nahm er Platz und lauschte mitten ins Geschehen hinein:
„Ja, ja, meine Damen un Herren, liebe Fotofreunde un all die, die dat vielleicht noch werden wollen … ihr hört richtig: Vom Uhrenzulieferer zum Kamerahersteller! Dat muss man sich ma vorstellen!“ Ein erstauntes „OHH … AHHH“ brummelte aus dem Publikum vor dem abgedunkelten Pult des gestikulierenden Essener Moderators. Herbert musste unwillkürlich lächeln. Er war sofort gefesselt. Irgendetwas an der Begeisterung dieses Mannes war ansteckend.
„Yashima Seiki is 1949 in Nagano, Japan, erstma mit Teilen für elektrische Uhren gestartet, un schon’n paar Jahre später ham die Jungs sich gedacht: Komm, wir machen jetz wat mit Fotografie! Un 1953 entstand … man mag et kaum glauben, verehrtes Publikum …“ Wieder machte der Moderator eine wirkungsvolle Pause und ließ seinen Blick durch den Saal schweifen.
„Dat war die große Nachkriegszeit, meine Damen un Herren, da fing die japanische Kameraindustrie grad an, sich international’n Namen zu machen, un Yashica, so hießen se dann, wollte zeigen, dat japanische Ingenieurskunst nich zwangsläufig teuer, kompliziert oder nur wat für Berufsfotografen sein musste! Als Beweis präsentiere ich Ihnen die Yashica Auto Focus Motor! Seien sie heute Teil und womöglich schon einer der ersten Besitzer dieser….“ Ein leises Raunen ging durch den Saal.
„Mit andern Worten, meine Damen un Herren, liebe Fotofreunde un all die, die et noch werden wollen … während irgendwo noch einer an seine mechanische Verschlusszeit rumdrehte, sacht die Yashica Auto Focus Motor! sinngemäß: Lass dat ma die Elektronik machen!“ Herbert grinste. Genau das gefiel ihm. Eine Kamera, die begann, mitzudenken.
„Damit gehört die Yashica Auto Focus Motor zu dieser bemerkenswerten Generation von Kleinbildkameras, die den Übergang vonne klassischen Kamera, wo der Fotograf noch alles selber im Griff haben musste, hin zur vollautomatischen ,Point-and-Shoot‘-Kamera vollzogen hat – un dat Wort ,vollautomatisch‘ is hier ma echt nich bloß Marketing, hömma!“
Mit diesen energischen Sätzen beendete der Moderator seinen fast 45-minütigen Vortrag. Ein lauter Applaus, untermalt von einer lauten Musik der Neuen Deutschen Welle, rundete alles so euphorisch ab, dass Herbert noch am gleichen Tag die Yashica Auto Focus Motor sein Eigen nennen durfte – und das fühlte sich richtig gut an!
Mit 430 Mark Aktions- und Einführungspreis garantiert kein Pappenstiel! Aber mit Verlaub – schließlich war dieses zukunftsgesicherte Gerät auch keine primitive Schnappschusskamera.
Zu Hause angekommen, studierte Herbert für seinen Club noch einmal die technischen Merkmale:
Herbert verstellte nie wieder aus Versehen die Belichtungszeit und war stets zufrieden mit den Fotos, die er nach der Entwicklung bei Hertie abholte. Auch in seinem Club war er für kurze Zeit der technische Revolutionär -auch wenn so manche Kollegen immer skeptisch blieben.
Viele Jahre später würde Herbert seine Yashica noch immer besitzen. Die Welt würde sich jedoch verändern. Filme würden seltener werden. Digitalkameras würden auftauchen. Telefone würden plötzlich fotografieren können. Und irgendwann würden Menschen mit ihren Telefonen Bilder machen, die sie sofort auf kleinen Bildschirmen anschauen konnten.
Fazit: Herbert würde die Zukunnft wohl beeindruckend finden. Aber wenn ihn jemand fragen würde, welche Kamera damals besonders modern gewesen sei, würde er wahrscheinlich in den Schrank greifen und die alte Yashica Auto Focus Motor hervorholen. Dann würde er sie auf den Tisch legen und sagen: Damals bei em Herie in ne Fotofachabteilung: Dat war die Beste – die hat schon 1981 alles alleine gemacht.“



