Mirai (未来) die Zukunft! Ein Märchen aus 2026
Es war einmal ein junggebliebener Mann, der liebte alte Fotoapparate gar sehr. Doch mit den Kameras der Marke RICOH hatte er schon allzu oft großes Unglück. Die eine wollte nicht sehen, die andere nicht blitzen, und die dritte war tot wie ein Stein. Nur die wenigsten zeigten dem Mann ihre Zuneigung.
So begab es sich, dass er an einem trüben Samstag über einen Flohmarkt wanderte. Zwischen altem Zeug und rostigem Eisen erblickte er eine alte aber seltsame futuristische RICOH Kamera, mit dem Namen Mirai (未来). Sie hatte nicht nur ein Gehäuse, das einem halben scharzen Brotlaib glich, sondern auch einen gar wunderlich verstellbaren Handgriff, in dessen verborgenem Inneren die geheimnisvolle Lebenskraft in Gestalt einer dicken Batterie geborgen lag. Dazu ein Zoomobjektiv von 35 bis 135 Millimetern. Die RICOH Mirai konnte selbst die Schärfe finden, den Film weiterziehen und sie vermochte aus ihrem Inneren einen grellen Blitz hervorzurufen, als säße ein kleiner Kobold darin, der mit einem Fingerschnippen die Nacht zu erhellen wusste.
Einst hatte man die Mirai für ein Werk der Zukunft gehalten; doch wie so manches Wunderwerk besaß sie im Alter ein empfindliches Inneres aus Drähten, Motoren und kleinen Zahnrädern.
Ob sie denn noch funktionierte, fragte der Mann. Der Händler, mit schmalen Lippen und listigen Augen, hob die Hand und sprach: »Gewiss, die Dame ist nicht mehr die Jüngste. Manch ein Motor mag nach all den Jahren ein wenig müde sein, ein Kontakt vielleicht etwas launisch, und die Elektronik hat bisweilen ihren eigenen Kopf. Aber das ist doch nur der Charme der alten Technik! Ein wenig Zuwendung, frische Batterien! Nehmt sie nur, guter Herr! Die Mirai ist so lebendig wie ein Fisch im Wasser und wird Euch treue Dienste leisten!«
Der junggeblieben Mann, der schon oft betrogen worden war, hätte es besser wissen sollen! Doch die Hoffnung saß ihm im Herzen, und so gab er sein Geld hin und trug die Mirai voller Freude nach Hause. Als er aber die Batterien im Griff einlegte und den Schalter betätigte, da geschah nichts. Einfach nichts! Das Objektiv blieb eingefahren, der Zoom rührte sich nicht, und der Auslöser schwieg wie ein Grab.
Da erkannte der Mann, dass er abermals betrogen worden war. Er hob die Kamera empor und rief mit zorniger Stimme:
»So höret meinen Fluch! Alle Händler, die mir fortan eine defekte Mirai als funktionierend verkaufen, sollen verflucht sein! Ihre Stände sollen sich mit toten Kameras füllen, ihre Versprechen sollen zu Staub zerfallen, und von Flohmarkt zu Flohmarkt sollen sie ziehen, ohne jemals Erlösung zu finden!«
Da erhob sich ein eisiger Wind, der über alle Flohmärkte fegte und die alten Warenstände erzittern ließ, und die Krähen auf den Dächern schrien viermal, als kündeten sie ein großes Unheil an. Tief im Innern der Mirai aber knackte es gar schauerlich, als säße ein böser Geist darin, der sein höhnisches Lachen nicht länger zu verbergen vermochte.
Von diesem Tage an wanderte die verfluchte Mirai von Hand zu Hand und von Markt zu Markt; ein jeder, der sie erwarb, hoffte, den Bann zu brechen und sie wieder zum Leben zu erwecken, doch stets blieb sie stumm und kalt wie das Herz der habgierigen Händler.
Schon bald aber verbreitete sich die Kunde unter den Sammlern, und man erzählte sich bei Kerzenschein und in langen Winternächten, dass auf jedem Flohmarkt, zwischen altem Zeug und rostigem Eisen, eine verfluchte Ricoh Mirai verborgen liege, die nur darauf warte, einen neuen arglosen Herrn in ihr Unheil zu ziehen.
Infos & Technik: Die Ricoh Mirai wurde 1988 in Japan vorgestellt und zählt zu den ungewöhnlichen analogen Kameras ihrer Zeit. Ihr Name bedeutet auf Japanisch „Zukunft“. Sie verbindet die Bedienung einer Kompaktkamera mit der Technik einer Spiegelreflexkamera – auch als frühe Bridge-Kamera bezeichnet. Mit ihrer ungewöhnlichen Bauform und der Kombination aus Spiegelreflextechnik und automatisierter Bedienung war sie ein bemerkenswertes Kamerakonzept ihrer Zeit. Heute ist sie vor allem für Sammler und Liebhaber ungewöhnlicher analoger Kameras interessant.


